Zeitraum: Eine Woche im August 1971, Schloss Neubeuern, Bayern3 Min. LesezeitVeröffentlicht:
Zweihundert Neurowissenschaftler, sechs pro Internatsschlafsaal
1971 verlor ein internationales Symposium der Neurowissenschaften wenige Wochen vor der Eröffnung seinen Tagungsort. Ein junger Forscher erinnerte sich, dass sein altes Internat, ein Schloss in Bayern, im August leer stehen würde.

Im Sommer 1971 hatte ein großes internationales Symposium der Neurowissenschaften einen Termin, knapp zweihundert Teilnehmer, darunter einen Nobelpreisträger, und dann, wenige Wochen vor der Eröffnung, keinen Tagungsort mehr. Das österreichische Ferienhotel, das es beherbergen sollte, war pleitegegangen.
Jedes Hotel in den Alpen gab dieselbe Antwort: August.
Dann erinnerte sich ein junger Forscher aus dem Organisationsteam, dass er seine Jugend auf Schloss Neubeuern verbracht hatte, einem Schloss auf einem Hügel über dem Inntal, das seit den 1920er-Jahren ein Internat war. Und im August ist ein Internat leer.
Das Schloss hatte Betten. Es hatte sehr viele Betten pro Zimmer.
Die Schule erklärte sich bereit, in ihrem einzigen leeren Monat wieder aufzumachen, und die Gründer eines ganzen Forschungsfeldes kamen den Hügel herauf und wurden in Schlafsäle geführt: Zimmer mit vier Betten, Zimmer mit sechs, ein Bad am Ende des Flurs.
Ein Ruf dieser Größe kommt nicht mit eigenem Bad.
Der junge Forscher verbrachte die Woche nach eigenen Worten in der stillen Panik eines Gastgebers. Das Ganze war sein Vorschlag gewesen. Wenn jemand die Matratze zu hart fand, war es seine Matratze. Aber die großen Namen beschwerten sich nicht. Am zweiten Abend war der alte Speisesaal ein Hörsaal, und nach dem Abendessen waren die Flure voller angesehener Wissenschaftler in Hausschuhen, die auf dem Weg zum Zähneputzen über das Gehirn sprachen.
Hinterher sagte er, das sei das eigentliche Geschenk gewesen. In einem Hotel hätte er die großen Gestalten aus der letzten Reihe eines Saals gesehen. Im Schloss stand er mit ihnen vor der Dusche an, saß mit ihnen auf den Schülerbänken und wurde gefragt, woran er gerade arbeite.
Ich war selbst schon Gastgeberin, und ich kenne die Panik. Als die Kollegen meines Mannes zu einer Konferenz nach Kopenhagen kamen, hatte das Hotel doppelt gebucht, und ich bot unsere Wohnung vier Ökonomen an. Zwei brachte ich im Kinderzimmer unter, unter den Leuchtsternen, und zwei auf dem Schlafsofa, auf dem zuletzt meine Mutter geschlafen hatte, die dazu eine Meinung hatte.
Niemand beschwerte sich. Beim Frühstück kam ein Professor für Geldpolitik aus dem Kinderzimmer und fragte sehr ernst, warum unter seinem Kopfkissen ein Dinosaurier liege. Die Jüngste, die gerade Müsli aß, sagte, das sei ein Sicherheitsdinosaurier, und er habe großes Glück gehabt, einen abzubekommen.
Er nahm ihn mit nach Hause. Ich habe die E-Mail noch. Darin steht, der Dinosaurier sei das Beste an der ganzen Konferenz gewesen.
Das Schloss in Neubeuern bekam seine Schlafsäle im September zurück. Die Jungen kamen zurück und erfuhren nie, wer in ihren Betten geschlafen hatte. Unser Dinosaurier ist in Chicago.
Zu dieser Geschichte: Szenen und Dialoge sind erfunden oder frei nacherzählt. Angaben zu den genannten Schulen stammen aus veröffentlichten Quellen, auf die unsere Schulporträts verweisen.