Zeitraum: St Kilian’s Deutsche Schule, Clonskeagh, 4. Oktober 20103 Min. LesezeitVeröffentlicht:
Der Pfiff war nur eine Warnung. Die Mauer fiel trotzdem.
Im Oktober 2010 baute die St. Kilian’s Deutsche Schule in Dublin zum zwanzigsten Jahrestag der deutschen Einheit eine Berliner Mauer aus Styropor quer durch die Turnhalle. Im Plan kam eine Trillerpfeife vor.

Am 4. Oktober 2010, zwanzig Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung, baute die St. Kilian’s Deutsche Schule in Clonskeagh, Dublin, ihre eigene Berliner Mauer mitten durch die Turnhalle.
Sie war aus Styropor und von den Kindern bemalt. Auf beiden Seiten standen rund zweihundertfünfzig Schülerinnen und Schüler zwischen sieben und zwölf, aus etwa vierzig Ländern. Es gab eine Lehrerin mit Trillerpfeife. Es gab einen Plan: Pfiff, Rede, Mauer fällt.
Der Pfiff sollte nur für Aufmerksamkeit sorgen.
Die Kinder waren über Pfiffe, die nur für Aufmerksamkeit sorgen sollen, nicht informiert worden. Sie rannten los, von beiden Seiten gleichzeitig. Styropor, auf das zweihundertfünfzig Kinder treffen, tut eine Zehntelsekunde lang gar nichts und dann alles auf einmal.
Die Mauer fiel vor der Rede. Der Ablauf war völlig vernünftig; er war nur von zweihundertfünfzig Kindern überstimmt worden.
Und natürlich wiederholte sich da Geschichte im Kleinen. Auch in Berlin hat 1989 niemand gewartet, bis die offizielle Ankündigung zu Ende war.
Eine der anwesenden Mütter war im November 1989 in Berlin sechzehn gewesen. Am Morgen nach der Grenzöffnung schwänzte sie mit ihren Freundinnen die Schule und ging zur Mauer, weil alle dorthin gingen. Ihre Cousins lebten im Osten. Sie kannte sie als Stimmen am Telefon und Gesichter an einem Grenzübergang. In jenem Winter kamen sie zum ersten Mal zu ihrer Familie nach Hause und saßen in der Küche bei einer Tasse Kaffee, wie alle anderen auch.
So lernten die Kinder von St. Kilian’s 1989 ungefähr so kennen, wie sie es erlebt hatte: alles auf einmal, ohne Erlaubnis, bevor irgendwer fertig erklärt hatte.
Ich habe versucht, Geschichte in meinem eigenen Haus zu inszenieren, mit ähnlichem Ergebnis. Für das Referat der Jüngsten über den Mauerfall baute ich quer durchs Wohnzimmer eine Mauer aus Schuhkartons, mit Parolen bemalt, und wollte den Kalten Krieg erklären, bevor irgendwer sie anrührte.
Ich sagte: „So, bevor wir anfangen.“ Die Jüngste und zwei Freundinnen verstanden das als Pfiff.
Die Mauer lag in weniger als vier Sekunden. Eine Freundin trug einen Schuhkarton als Hut. Die andere trug ein Stück Berliner Mauer mit der Aufschrift ADIDAS als Souvenir in die Küche. Mein Mann, der zum Zuschauen hereingekommen war, sagte, es sei sehr authentisch.
Ich hielt die Rede trotzdem, vor drei Kindern, die auf Mauerstücken saßen. Sie hörten besser zu, als sie es im Stehen getan hätten.
Zu dieser Geschichte: Szenen und Dialoge sind erfunden oder frei nacherzählt. Angaben zu den genannten Schulen stammen aus veröffentlichten Quellen, auf die unsere Schulporträts verweisen.