European School Guide
Geschichten vom Schulhof

Zeitraum: Ein Besuch, eine Mittagspause im Jahr 20163 Min. LesezeitVeröffentlicht:

Zurück im Internat, und die roten Becher erwischten ihn zuerst

Ein Journalist kehrte auf den Birklehof zurück, sein altes Internat im Schwarzwald, gefasst auf neue Gebäude und neue Gesichter. Auf die Becher war er nicht gefasst.

Vorgestellter Esstisch mit roten Bechern.
Illustration

Ein Journalist kehrte 2016 an sein altes Internat zurück und wurde im Speisesaal von einem roten Plastikbecher überfallen.

Die Schule war der Birklehof oberhalb von Hinterzarten im Schwarzwald. Er war dort Schüler gewesen und kam nun, um darüber zu schreiben. Er war bereit für neue Gebäude, neue Gesichter und die übliche Rede darüber, wie viel sich verändert habe. Er hatte sich gegen Veränderung gewappnet, und was ihn umhaute, war ein roter Plastikbecher.

Die Becher hatten sich nicht verändert. Dasselbe Rot, dieselben Stapel, derselbe Platz. Das Mobiliar der eigenen Kindheit überlebt alles, sogar das einundzwanzigste Jahrhundert, solange es billig genug ist, dass niemand auf die Idee kommt, es zu ersetzen.

Die Schule hatte, wie Schulen das tun, außerdem ein paar Schüler vorbereitet, die mit ihm reden sollten. Und hier tat der Altschüler das Einzige, was ein Altschüler kann. Er hatte selbst einmal an so einem Tisch gesessen und wusste, wie ein Tisch voller gut gebriefter Schüler klingt. Er suchte sich seinen eigenen Tisch.

Ich habe das an einem Tag der offenen Tür ausprobiert und kann bestätigen: Bei Eltern funktioniert es nicht.

Vor zwei Jahren wurde ich bei einer Schulbesichtigung in Brüssel an einen Tisch mit vier außergewöhnlich wortgewandten Neuntklässlern samt Mappe geführt. Ich sagte mit einem kleinen verschwörerischen Lächeln, ich setze mich lieber dort drüben hin, zu den ganz normalen Kindern. Die ganz normalen Kinder waren drei Jungen, die Chips aßen. Einer fragte, ob ich mich verlaufen hätte. Ein anderer fragte, ob ich jemandes Oma sei. Der dritte bot mir einen Chip an und nahm ihn wieder zurück, als ich sagte, ich sei eine interessierte Mutter, mit der Begründung, ich „komme vielleicht gar nicht“.

Die wortgewandten Neuntklässler sahen sich das alles vom Mappentisch aus mit einer Art Mitleid an.

Der Journalist schlug sich besser, weil er etwas hatte, das mir fehlte: Er war einmal einer von ihnen gewesen. Er wusste, an welchen Tischen geredet und an welchen nur gegessen wird.

Was mich an den roten Bechern beschäftigt, ist die Ungerechtigkeit. Ein Mann kann jahrzehntelang beschließen, nicht sentimental zu werden, was eine Schule angeht, und die Schule muss sich nicht einmal anstrengen. Sie stellt einfach die Becher raus.

Wir sind in zehn Jahren viermal umgezogen, auch damit nichts im Leben unserer Kinder lange genug gleich bleibt, um sie zu überfallen. Letzten Monat kam der Älteste von einem Freund nach Hause, setzte sich und sagte mit seltsamer Stimme, die hätten dieselben IKEA-Gläser wie wir damals in Madrid.

Er hielt eins sehr lange in der Hand. Ich habe auf dem Heimweg sechs Stück gekauft.

Zu dieser Geschichte: Szenen und Dialoge sind erfunden oder frei nacherzählt. Angaben zu den genannten Schulen stammen aus veröffentlichten Quellen, auf die unsere Schulporträts verweisen.