European School Guide
Geschichten vom Schulhof

Zeitraum: Eine Wiener Klasse in den 1960ern, wiederentdeckt im Jänner 20153 Min. LesezeitVeröffentlicht:

Christoph Waltz’ alter Zeichenlehrer hat die Zeichnung aufgehoben

Im Jänner 2015, als in den Tiroler Alpen ein Bond-Film gedreht wurde, spürte eine Tiroler Zeitung den pensionierten Zeichenlehrer auf, der Christoph Waltz am Theresianum in Wien unterrichtet hatte. Er hatte noch eine Zeichnung.

Vorgestelltes Kuvert und Papier.
Illustration

Im Jänner 2015 wurde in den Tiroler Alpen ein James-Bond-Film gedreht, und den Bösewicht spielte Christoph Waltz. Die Tiroler Tageszeitung fand in Tirol einen pensionierten Zeichenlehrer, der Waltz als Buben am Theresianum in Wien unterrichtet hatte. Und er hatte eine Zeichnung aufgehoben.

Die Aufgabe hatte „Ich schaue aus dem Fenster“ gelautet.

Jeder Zeichenlehrer stellt die Fensteraufgabe irgendwann, und jeder Zeichenlehrer erfährt dabei, wer aus dem Fenster schaut und wer Rechtecke zeichnet.

Die meisten in einer Klasse zeichnen, was draußen ist: Dächer, einen Rauchfang, vielleicht eine Taube. Ein paar Schüler lesen den Titel genauer. Wenn ich aus dem Fenster schaue, folgern sie, dann bin ich das Motiv, beim Schauen. Der junge Waltz zeichnete sich selbst am Fenster.

Der Lehrer behielt die Zeichnung. Jahrzehnte später, während Hollywood eine Stunde entfernt drehte, hatte er sie immer noch.

Das ist der Teil, der unerträglich rührend und leicht beunruhigend ist, wenn man als Mutter fast jede Zeichnung weggeworfen hat, die die eigenen Kinder je gemacht haben. Aufgehoben habe ich schon etwas, theoretisch. Praktisch sind wir viermal übersiedelt, jede Übersiedlung ist eine Ausmistaktion, und jede Ausmistaktion führe ich spätnachts durch, mit einem Müllsack, während die Kinder schlafen.

Irgendwo auf einer Madrider Mülldeponie liegt ein Porträt von mir, gezeichnet von der Mittleren mit sechs, mit der Bildunterschrift „MAMA IST WÜTEND“. Man versichert mir, es sei sehr gut getroffen gewesen. Die Mittlere lässt mich nie vergessen, dass es weggeworfen wurde. Wie gut es getroffen war, kann jetzt niemand mehr nachprüfen.

Irgendwo da draußen gibt es also vielleicht einen Zeichenlehrer, der etwas von meinen Kindern aufgehoben hat, das ich nicht aufgehoben habe. Die Möglichkeit ist tröstlich und demütigend zugleich. Dass ein Fremder geschätzt hat, was ich entsorgt habe. Dass die ersten Meisterwerke meiner Kinder in einer Mappe im Haus eines pensionierten Lehrers liegen könnten und darauf warten, dass jemand berühmt wird.

Ich fragte die Mittlere, ob wohl einer ihrer Lehrer ihre Arbeiten aufgehoben habe. Sie dachte nach und sagte, in der zweiten Klasse in Kopenhagen habe man ihre Zeichnung von einem Wal behalten: Sie habe sie zurückverlangt und zur Antwort bekommen, sie hänge „vorerst an der Wand“.

Das war vor vier Jahren. Vielleicht hängt sie immer noch.

Ich habe der Schule geschrieben und nachgefragt. Wenn sie noch hängt, verlange ich sie nicht zurück. Ich frage nur, ob man dort zufällig auch das Porträt einer Mutter aufgehoben hat, die wütend schaut.

Zu dieser Geschichte: Szenen und Dialoge sind erfunden oder frei nacherzählt. Angaben zu den genannten Schulen stammen aus veröffentlichten Quellen, auf die unsere Schulporträts verweisen.