European School Guide
Geschichten vom Schulhof

Zeitraum: Der Herbst vor der ersten Klasse, Niederösterreich, Anfang der 1970er3 Min. LesezeitVeröffentlicht:

Schuleinschreibung, und die Sechsjährige lieferte einen vollständigen Bericht

In einem Dorf in Niederösterreich brachte Anfang der 1970er ein Vater seine Tochter zur Einschreibung für die erste Klasse. Daheim erstattete sie Bericht über die Lehrerin. Und über den Papa.

Vorgestellte Mäntel neben einem Klassenzimmer.
Illustration

In einem Dorf in Niederösterreich, Anfang der 1970er, brachte ein Vater seine sechsjährige Tochter zur Einschreibung für die erste Klasse. Das war normalerweise Muttersache, aber die Mutter hatte mit dem Baby zu tun, also zog der Vater das gute Sakko an und ging hin.

Die Tochter nahm die Lehrerin so in Augenschein, wie Sechsjährige Erwachsene in Augenschein nehmen, von unten nach oben. Schuhe. Ein Kleid. Blonde Haare. Ohrringe, große. Zuerst wurden die Ohrringe für gut befunden, dann die Lehrerin, und als jemand das Lesen erwähnte, war die Sache längst entschieden: Die Schule konnte anfangen, wann sie wollte.

Daheim gab sie ihren Bericht im Stehen ab, in der Küche. Sie freute sich auf die Schule. Die Lehrerin war lieb. Die Lehrerin hatte Ohrringe.

Dann der Zusatzbefund, in derselben hellen Stimme:

„Der Papa mag sie auch!“

Sechsjährige sind die einzigen wirklich objektiven Berichterstatter in jeder Familie, und genau deshalb lässt man sie nicht in die Nähe der Presse. Sie wollte auf nichts hinaus. Sie hatte etwas beobachtet und meldete es, voller Stolz, als Tatsache über einen schönen Tag. Das Schweigen, das folgte, war der Beitrag der Erwachsenen.

Der Satz wanderte in den Familienschatz, um noch jahrzehntelang erzählt zu werden, und der Vater ist ihn, so darf man annehmen, nie ganz losgeworden.

Ich war auch schon einmal Gegenstand des Berichts einer Sechsjährigen, und ich war nicht der Vater.

Als die Jüngste in Brüssel in die Schule kam, ging ich mit ihr zum ersten Treffen mit ihrer Lehrerin, einer fröhlichen Flämin mit einem bemerkenswerten Lachen. Auf dem Heimweg fragte die Jüngste, warum ich über alles gelacht hätte, was die Lehrerin gesagt hatte, „sogar über das mit den Klos“.

Ich stritt es ab. Daraufhin machte sie mich auf dem Rücksitz nach, wie ich über das mit den Klos lachte. Es war sehr gut. Es war so gut, dass mein Mann, der am Steuer saß, rechts ranfahren musste.

Beim Abendessen erstattete sie ihren Geschwistern vollständigen Bericht, mit Imitation. Der Älteste verlangte eine Zugabe. Die Mittlere fragte, ob die Mama „in die Lehrerin verschossen“ sei. Mein Mann sagte, so etwas sage man nicht über die Mama, und ging dann auf den Balkon und lachte vier Minuten lang.

Beim nächsten Elternabend war ich sehr ernst. Ich lachte kein einziges Mal, nicht einmal über die Witze der Lehrerin, und die waren gut. Hinterher fragte die Lehrerin meinen Mann behutsam, ob daheim alles in Ordnung sei.

Die Jüngste hat angeboten, es zu erklären.

Zu dieser Geschichte: Szenen und Dialoge sind erfunden oder frei nacherzählt. Angaben zu den genannten Schulen stammen aus veröffentlichten Quellen, auf die unsere Schulporträts verweisen.